 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |

Impulse
|
 |
 |
 |
 |
 |
„Gott ist mein Lied“ – Impulsreferat zu den Kirchenmusiktagen der Arbeitsgemeinschaft der Dekanate Büdingen-Nidda-Schotten von Pfarrerin Ina Johanne Petermann, Büdingen Februar 2010
„Keine Kirche kann auf Musik verzichten. Sie vereint die Glaubenden auf einen Atem und spiegelt die Spiritualität der Versammlung: ob sanft oder bombastisch, froh oder müde, triumphierend oder meditativ. Liturgische Musik ist ein Gradmesser der Innigkeit. Auch dann, wenn es heute in der Kirche oft so altbacken klingt, so dünn und lustlos. Wenn das Harmonium quietscht und keiner mehr mitsingt. Dann kann man hören, wie es um die Kirche bestellt ist.“
(Eva-Maria Lerch, Im Himmel ist Klang, in: Publik Forum 6 (2009) 25)
„Von der Liebe kann man nur singen“, hat ein Dichter einmal gesagt.
Er hat dennoch das Dichten nicht aufgegeben und viele weitere zu Herzen gehende Worte über die Liebe gefunden.
„Gott ist die Liebe“, schreibt Johannes in einem seiner Briefe aus dem Neuen Testament (1. Joh 4,16) und man hört förmlich den Gesang in den Worten.
Gilt für Gott vielleicht das gleiche, was für die Liebe gilt?
Kann man von Gott eigentlich nur singen?
Die Theologen haben immer wieder kluge und vernünftige Worte von, zu und über Gott gefunden.
Worte, die zuweilen freilich auch ein wenig erschlagen und manchem Gemeindeglied unverständlich bleiben in ihrer hehren Klugheit.
Fulbert Steffensky - ehemals römisch-katholischer Benediktinerpater und mit 36 Jahren zur evangelischen Kirche übergetreten –bringt es zugespitzt auf den Nenner:
„Protestantismus ist eher eine gedachte als eine gelebte Religion“.
(Fulbert Steffensky, Feier des Lebens. Spiritualität im Alltag, Stuttgart 1984, 11)
Breiten Teilen des Kirchenvolkes erscheint die von des Gedankens Blässe angekränkelte Glaubenslehre denn auch abgehoben und unterkühlt, das Volk wünscht mehr Emotionalität, mehr Leibhaftigkeit und Seligkeit, mehr Lebendigkeit.
Der gedachte Glaube berührt das Innere zu wenig, die Herzen bleiben kalt.
Heiße Herzen aber wollen singen.
„Die Vernunft kann nur reden. Es ist die Liebe, die singt“, spricht der Dichter (Joseph de Maistre).
Womit wir wieder zum Ausgangspunkt gelangt wären: Von der Liebe – und Gott ist die Liebe – kann man nur singen.
So will auch die Forderung nach fröhlicherem, das Herz stärker anrührendem Gesang in unseren Kirchen nicht mehr verstummen.
PfarrerInnen und manchmal auch KirchenmusikerInnen können es kaum noch hören, zahlreiche Witze karikieren die Folgen unstimmiger Modernität in der Kirchenmusik.
Doch es ist evident und Zahlen belegen es: Oft sind Kirchenkonzerte sehr viel besser besucht als die sonntäglichen Gottesdienste. In den Chören und Instrumentalgruppen engagieren sich erfahrungsgemäß immer auch Menschen, die der geistlichen Musik auch ohne enge kirchliche Bindung zugeneigt sind. Mit geschätzten rund 32.000 Aktiven ist die Kirchenmusik gleichzeitig ein Hauptbetätigungsfeld für Ehrenamtliche in der Kirche.
Glaube, Gottesliebe will gesungen sein, Glaube, Gottesliebe vermittelt sich durch Gesang.
Aber das ist – wie die meisten von uns vermutlich wissen – nicht etwa erst eine Einsicht der heutigen Zeit
Wie sattsam bekannt sein dürfte, hat schon Martin Luther – auch genannt die „Nachtigall von Wittenberg„ - gerne und häufig darauf bezug genommen.
Luther schreibt: „Ich gebe nach der Theologie der Musik die nächste Stelle und die höchste Ehre.“
Und die Reihenfolge kann sich sogar umdrehen.
So verkündet ein Engel in Luthers bekanntem Weihnachtschoral „Vom Himmel hoch da komm ich her“:
„... ich bring euch gute neue Mär; der guten Mär bring ich so viel, davon ich singn und sagen will.“
(Evangelisches Gesangbuch 24,1).
|
 |
 |
 |
 |
 |
Merke: Das Singen steht hier vor dem Sagen!
Du Kirche des Wortes: Höre einmal auf diese Weise!
Dass Luther nicht aus einer unreflektierten Laune heraus das Singen und das Sagen hintereinander reiht, zeigt sich in seiner Vorrede zum Septembertestament 1522, wo es heißt:
„Euangelion ist ein griechisch Wort und heißt auf deutsch gute Botschaft, gute Mär … davon man singet, saget und fröhlich ist“.
Das Evangelium betrifft den Menschen, wie er leibt und lebt. Und wenn der Mensch darauf antwortet, so kann diese Antwort nicht allein aus vernünftig begründeter, gedanklich gefeilter Rede bestehen, sondern verlangt nach ganzheitlichem Ausdruck.
Singen ist ganzheitlicher Ausdruck von Leib, Seele und Geist, Singen verlangt Herz und Hirn und Hingabe. Und noch ein „H“ gehört nach meiner Meinung dazu: die Heiterkeit, der Humor, in anderen Worten: die Leichtigkeit, das Lachen, der frohe Sinn, das fröhliche Gemüt.
Denn wir hören ein Eu-angelion, eine gute Botschaft, die froh macht, davon man singet und saget und fröhlich ist.
„Gott ist mein Lied“ – das fasst dies griffig zusammen.
Eine EKD-Stellungnahme von 2007 stellt fest: „Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen ermutigen Menschen dazu, laut werden zu lassen, was im Innern schon da ist, und Echo zu sein für den Klang des Evangeliums. Kirchenmusik ist Antwort auf Gottes Wort. Als solche wird sie selbst Verkündigung und ruft zum Glauben.“
(„Kirche klingt“ – Die Bedeutung der Kirchenmusik für das kirchliche Leben, Hannover 2007, 13).
Ein kühnes Wort: Dass da im Inneren schon etwas sei! Mutig gesprochen, angesichts des doch sonst sehr betonten extra nos – also des nur von außerhalb kommenden Heils - der lutherischen Glaubenslehre!
Das Schwergewicht in der EKD-Verlautbarung liegt aber letztlich wieder auf der Zweckmäßigkeit der Kirchenmusik, dem Missionsanspruch, und lässt – bei aller Notwendigkeit heute wieder stärker missionarische Kirche zu sein - außer Acht, was viele Gemeindeglieder doch im Innersten ersehnen:
Das absichtslose Gotteslob, die zweckfreie Anbetung des Höchsten, das singend angenommene Geschenk der Gottesliebe in seiner doppelten Ausrichtung als Liebe Gottes zu den Menschen und Liebe des Menschen zu Gott.
„So sie´s nicht singen, so gleuben sie´s nicht“, sagt Martin Luther.
Gott ist mein Lied: Gott ist Grund und Gestalt und Gewissheit meines Lebens und Liebens und Glaubens. Gott ist mein Lied.
Singen als Medium der Gottessuche und Gottesliebe und Gottesgewissheit findet sich in allen Religionen durch alle Zeiten der Menschheitsgeschichte bis zurück in prähistorische Vorzeiten.
In den späten Achtzigern erkundigten französische Archäologen prähistorische Höhlen in Südwestfrankreich auf besondere Art – sie sangen.
Sie entdeckten, dass die Kammern mit den meisten Höhenmalereien auch die besten Resonanzen aufwiesen.
Dieses überraschende Ergebnis könnte darauf hindeuten, dass in den Höhlen religiöse Zeremonien mit Musik stattfanden.
Die kultischen Gesänge der nach dem Fundort in Frankreich benannten Cro- Magnon-Menschen könnten genauso hochentwickelt gewesen sein wie ihre Malereien, vielleicht benutzten sie sogar Flöten Trommeln oder Pfeifen.
(Robert Jourdain, Das wohltemperierte Gehirn. Wie Musik im Kopf entsteht und wirkt, Heidelberg 1998, 370f)
Sicher wurde in den Gesängen des Cro-Magnon-Menschen noch kein christlicher Gott verkündet.
Doch eine anthropologische Grundkonstante wird hier deutlich:
Die enge Verknüpfung von Singen und Spiritualität, das Ineinanderfließen von Mystik und Musik.
„Religiöse Texte wurden gesungen, längst bevor sie aufgeschrieben wurden.“
(Hans Küng, Musik und Religion. Mozart – Wagner – Bruckner, München 2006, 15)
Hesiod, der erste namentlich bekannte Dichter der Literaturgeschichte – er lebte um 700 vor Christus – betrachtete es als vornehmlichste Aufgabe der Musen, Lieder für die den höchsten Gott (in seinem Falle Zeus) zur Kithara (der Vorläuferin der heutigen E-Gitarre) zu singen.
Und auch die biblischen Sagen und Erzählungen wurden vor ihrer Niederschrift sicherlich singend vorgetragen. (Vgl. hierzu auch Albert Lord, The Singer of the Tale, Cambridge 1960)
Die jüdischen Gelehrten des Mittelalters haben neben den neu erfundenen Vokalzeichen auch musikalische Zeichen in den überlieferten Konsonantentext der Bibel eingefügt – nach diesen musikalischen Zeichen gestaltet sich heute immer noch der synagogale Vortrag, wenn die Wochenabschnitte aus der Tora vorgesungen werden.
Nach biblischer Sicht ist das Singen überhaupt eine zutiefst spirituelle Ausdrucksform des Menschen.
„Wach auf meine Kehle“, ermuntert sich der Sänger von Psalm 108 (Vers1) und führt uns damit auf eine spannende Spur, nämlich den engen Bedeutungszusammenhang von Kehle und Seele in der hebräischen Sprache.
|
 |
 |
 |
 |
 |
Gott ist mein Lied…
„Das Singen kann dazu beitragen, die Spaltung von Leib und Seele zu überwinden, indem wir auf unsere Kehle, unsere Stimme und auf unseren Atem achten und darin die Rückverbindung zu Gott entdecken, der uns zur Lebendigkeit ruft“, schreibt der Schweizer Theologe Pierre Stutz
(Pierre Stutz, Der Stimme des Herzens folgen, Freiburg im Br. 2005, 172).
Stutz beruft sich dabei u.a. auf die Erkenntnisse von Silvia Schroer und Thomas Stäbli, die sich mit der Körpersymbolik der Bibel befasst haben.
Ich zitiere eine etwas längere Passage aus dem Werk von Silvia Schröer und Thomas Stäbli
(Silvia Schröer und Thomas Stäbli, Die Körpersymbolik der Bibel, München 198, 61f):
„Es ist ein unter die Haut gehendes Erlebnis, wenn Orientalinnen bei einem Fest, zum Beispiel bei der Begrüssung der Braut in der versammelten Hochzeitsgesellschaft, in Freudenjubel ausbrechen.
Sie stoßen hohe Töne aus und schlage sich dabei mit der Hand an die Kehle. Es entsteht ein merkwürdiges, durchdringendes Trällern. In lautmalerischer Weise wird dieses Trällern auf hebräisch hallel genannt, vergleichbar mit unseren Wörtern „johlen“ oder „jodeln“.
Die Aufforderung zu johlen heißt hallelu, und wenn für den Gott JHWH gejodelt werden soll, ruft man hallele-ja. Beim Jodeln und Halleluja-Trällern bricht ein Urlaut aus dem Innern der Menschen durch die Kehle hervor. Entsprechend heißt es denn auch am Ende der Psalmen 103 und 104: Lobe den Herrn, meine Kehle, Halleluja! Dieser Vers wird aber in der Regel übersetzt mit „Lobe den Herrn, meine Seele!“
Weshalb haben die Übersetzer das hebräische Wort näfäsch, das zuerst einmal die Kehle bezeichnet, hier mit Seele wiedergegeben? Was hat die Kehle mit Seele zu tun?
Obwohl näfäsch (hier) gut mit „Kehle“ übersetzt werden kann, steht doch hinter dem Organ bereits die umfassende – auch seelische – Bedürftigkeit des Menschen.
…Kehle und Atem verschmelzen im Hebräischen zu einem Wort…
… die vielen in der Seele aufgestauten Ängste und Sehnsüchte drängen nach einem Ausdruck durch die Kehle. Wenn sie nicht wie zugeschnürt ist, leiht sie der Seelenstimmung ihre Stimme im Jodeln und Singen, im Schluchzen und Weinen, im Hecheln und Winseln, im Ruhen und Schreien, im Kichern und Lachen, im Grunzen und Gröhlen, im Brummen, Raunen oder Summen.“
„Der Stoff der Musik ist der Stoff der Seele“, habe ich irgendwo gelesen…
Noch ein Nachwort zu den eben gehörten Ausführungen zur hebräischen Vokabel näfäsch:
Im zweiten Buch Mose wird das Sabbatgebot damit begründet, dass sich Gott am siebten Tag der Schöpfung zur Ruhe setzte und tief Luft holte. Und für dieses Luft holen steht im Hebräischen die Vokabel näfäsch nun als Verb: jenafasch (2. Mose 31,17)
Gott atmet durch, Gott ist selig, dass nun alles geschafft – pardon erschaffen – ist, Gott ruht sich aus, Gott „lässt die Seele baumeln“.
Ich bin sicher: Am siebten Tag sang Gott ein Lied, denn es gibt nichts, was erholsamer und befreiender für die Seele sein kann als Singen!
Und seither erfüllt das Lied Gottes Himmel und Erde.
„In der Musik schwingt der Uratem der Schöpfung selbst, die Sprache der Engel und Atome, Musik heißt der Stoff, aus dem das Leben, die Träume, Seelen und Sterne letztlich sind.“
Habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nicht mehr wo.
Gott ist mein Lied…
Der Kirchenlieddichter Christian Fürchtegott Gellert entfaltet diesen Gedanken, dieses Erleben anhand des Schöpfungspsalms 139 in dem Kirchenlied mit der Anfangszeile „Gott ist mein Lied“ EG 598.
Die bekannteste Zeile in Psalm 139 lautet: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Nach dem Satz „Gott ist mein Lied“ sucht man allerdings vergeblich in dem gleichnamigen Lied von Christian Fürchtegott Gellert.
Fündig wird man auf der Suche nach der Zeile „Gott ist mein Lied“ in einem anderen Psalm -nämlich 118,14 - sowie an zwei weiteren Stellen im Alten Testament: 2. Mose 15,2 und Jesaja 12,2.
Jedes Mal taucht hier die gleiche Wendung auf:
Schauen wir uns die Bibelstellen einmal genauer an!
Psalm 118,14 lautet nach der revidierten Luther-Übersetzung:
„Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil“!

Wörtlich übersetzt: Meine Kraft, mein GESANG / SINGEN / LIED (ist) Jah (= Abkürzung des Gottesnamens), denn er ward mir zur Rettung.
|
 |
 |
 |
 |
 |
Psalm 118 gehört zu den Psalmen, die in der Zeit nach der Rückkehr Israels aus dem babylonischen Exil entstanden sind. Diese relativ späte Entstehung lässt sich u.a. daran erkennen, dass andere, ältere Texte aus dem Alten Testament offenbar bekannt sind.
So ist V. 14 in dem Psalm wohl als Zitat von 2. Mose 15,2 zu lesen und zu deuten, wo der gleiche Satz zu finden ist und wo es um die Befreiung des Volkes aus der ägyptischen Knechtschaft geht.
In Psalm 118 werden die beiden Heilsereignisse – die Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft wie die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft - parallel gesetzt.
Für das Volk Israel beginnt nun eine neue Zeit, ja, manche sehen sich schon in der Endzeit und erwarten die baldige endzeitliche Völkerwallfahrt zum Zionsberg.
Psalm 118 wurde – wie alte jüdische Schriften (die Mischna) bezeugen – als Dankliturgie zum Laubhüttenfest gesungen.
Für die Christen aber wurde Psalm 118 schon in früher Zeit zum „Osterpsalm“.
Wenn wir das ‚Heilig, Heilig’ in der Abendmahlsliturgie singen, so stammt die Zeile „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn“, aus diesem Psalm, genauso wie übrigens auch das christliche Tischgebet:
„Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“ (V.1 in der revidierten Lutherübersetzung). Nach Luther spricht der ganze Psalm über nichts anderes als Christus und das Reich Gottes.
Ein wichtiges Argument für die Sichtweise Luthers ist der in Psalm 118 Vers 22 erwähnt Eckstein, den die Bauleute verworfen haben. Dieser wird ja bereits im Neuen Testament auf Christus gedeutet.
(Vorrede zu „Das schöne Confitemini“ an Abt Friedrich zu St. Ilgen, in Erwin Mühlhaupt, D. Martin Luthers Psalmenauslegung 3, Göttingen 1965, 344)
Die bereits erwähnte Vorlage für Psalm 118,14 ist 2. Mose 15,2 . Dieser Vers lautet in der revidierten Luther-Übersetzung:
„Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben.“
Das Siegeslied des Mose vom Schilfmeer!
Seine Eingangsworte: „Ich will dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Roß und Mann hat er ins Meer gestürzt.“, wiederholen sich im letzten Vers des Kapitels.
Hier sind sie nun der Schwester des Mose, Mirjam in den Mund gelegt:
„Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Roß und Mann hat er ins Meer gestürzt.“ (V.21).
Nach Meinung der Bibelwissenschaft handelt es sich hierbei überhaupt um eines der ältesten Textzeugnisse im Alten Testament!
"Gott ist mein Lied. So bringt es Miriam auf den Punkt und die Pauke. Es ist mehr als nur ein Lied mit frommen Worten von Gott. Es ist ein Lied, das größer ist, als der Mensch, der es singt. Ein Lied, das durch Menschen hindurch geht als Cantus firmus des Lebens.“
(Pfr. Thomas Grossenbacher über 2. Mose 15, 2ff Zürich am 23.11.2004 – Eröffnungsgottesdienst zur Synode)
Die dritte Belegstelle, Jesaja 12,2 lautet in der revidierten Luther-Übersetzung:
„Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“
Auch in diesem sicherlich nachexilischen und wohl erst später als Verbindungsstück eingefügten Satz im Textkorpus des großen ersten Jesaja wird ausdrücklich auf das Schilfmeerwunder in der Exodusgeschichte verwiesen.
Auch hier wird das heilsgeschichtliche Ereignis der Hinausführung aus Ägypten mit dem zu erwartenden (und vermutlich bereits geschehenen) „Exodus“ aus der babylonischen Gefangenschaft gleichgesetzt:
In den vorausgehenden Versen Jes 11, 15-16 heißt es:
„Und der HERR wird austrocknen die Zunge des Meeres von Ägypten und wird seine Hand gehen lassen über den Euphrat mit seinem starken Wind und ihn in sieben Bäche zerschlagen, so dass man mit Schuhen hindurchgehen kann. Und es wird eine Straße da sein für den Rest seines Volks, das übriggeblieben ist in Assur, wie sie für Israel da war zur Zeit, als sie aus Ägyptenland zogen.“
Die Wendung „Rest des Volkes“ ist ganz typisch für die nachexilische Zeit. Entsprechend lässt sich das Textstück in die Zeit nach der Rückkehr aus dem Exil datieren.
Das Volk feiert nun die Bewahrung der Identität als Volk des einen Gottes JHWH.
Die „Sünden der Väter“ sind vergeben. Der Neubeginn im verheißenen Land hat die gleiche heilvolle Qualität wie einstmals die Rettung aus den Frondiensten Pharaos.
In ihrem jetzigen Textzusammenhang machen die drei Bibelstellen aber vor allem eines ganz deutlich: Singen ist ein ganzheitlicher Prozess, es erinnert und erschafft neu, es verbindet, es heilt, es transzendiert, es beglückt.
|
 |
 |
 |
 |
 |
Das 3malige Vorkommen der synonymen Wendung
.
"denn JAH der HERR ist mein Lied / Gesang / Singen, er wurde mir zur Rettung“
ist sicher kein Zufall: die Zahl 3 gilt (auch) im Alten Testament als „heilig“.
(Z.B. besuchen 3 Engel Abraham in 1. Mose 18,2ff; Jona sitzt 3 Tage im Bauch des Fisches Jona 2,1 – dies wird im Neuen Testament aufgegriffen als Vorverweis auf Jesu Auferstehung am dritten Tag Matth. 12,39).
Die Wendung „mein Gesang (ist) Jah (Gott)“ wird durch die 3malige Wendung hervorgehoben und bekommt dadurch einen besonderen Stellenwert!
Noch ein kurzer Blick auf Psalm 119,54, wo es heißt:
„Deine Gebote sind mein Lied im Hause, in dem ich Fremdling bin.“
Die Tora (die Weisung Gottes) ist hier das portable Vaterland (Heinrich Heine), sie steht für die geheimnisvolle Gegenwart Gottes im Exil. Das Singen schenkt innere Befreiung in äußerer Zwangslage.
Wenn Maria von Nazaret in Lukas 2 ihr Magnifikat anstimmt, dann reiht sie sich in diese Tradition ein:
„Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes“ - diese Worte paraphrasieren (umschreiben) ja den Wortlaut von Psalm 118,14; 2. Mose 15,2; Jesaja 12,2.
Jubelnde Freude findet ihren Ausdruck im Gesang:
So werden die wesentlichen Heilserinnerungen des Gottesvolkes Israel und der Gemeinde Jesu Christi in ähnlicher, fast gleichlautender Weise besungen.
Sie verbinden sich in der Formel
Gott ist mein Lied!
Singen und Musizieren dient im Zeugnis der biblischen Schriften dem Lobe Gottes, dem Nacherzählen und Verkündigen seiner Heilstaten, der Verarbeitung und Kommentierung individueller wie kollektiver Erlebnisse, etc.
Doch im Ausruf „Gott ist mein Lied“ ist Gott nicht nur Adressat oder Objekt, sondern gleichzeitig auch Subjekt, Autor und Inhalt des Singens und Musizierens. Die Distanz zwischen Gott und Mensch scheint aufgehoben: „In ihm leben, weben und sind wir“, sagt Paulus in seiner Rede auf dem Areopag, darin antike Autoren zitierend (Apg. 17,28).
Gewiss, „Gott ist mein Lied“ kann auch so verstanden werden, dass Gott GRUND und ADRESSAT meines Singens / Musizierens ist. Doch stärker noch vermittelt sich mir der mystisch-enthusiastische Grundton: „In ihm leben, weben und singen wir“…
Und solches Singen schaut nicht nur auf Befreiung zurück sondern befreit in sich, es verkündet nicht nur Freude sondern ist selber hellste Freude, es stellt nicht eine Beziehung her, sondern atmet Beziehung.
Gott ist mein Lied…
Im Handbuch der Liturgik lesen wir:
„Singen eines Kirchenliedes ist Zeichen für befreite Existenz und zugleich Proklamation von Befreiung…, andererseits auch Proklamation der befreienden Tat und Rühmung des Befreiers… Verkündigung, Bekenntnis und Rühmung sind hier ineinander verwoben: Doxologie ereignet sich. Hier steht das Kirchenlied (der Kirchengesang) ganz in der biblischen und urchristlichen Tradition: Israel sang nach dem Durchzug durch das Rote Meer seinen Hymnus; die Hallel-Psalmen haben ihren Ort in der Paschafeier und der Lobgesang bestimmt die Eucharistiefeier.“
(Handbuch der Liturgik: Liturgiewissenschaft in Theorie und Praxis, hg. von Hans-Christoph Schmidt-Lauber und Michael Meyer-Blanck, Leipzig 1995 S. 771)
Gott ist mein Lied…
Ich möchte schließen mit einigen letzten Anmerkungen zur Heilkraft des Singens und der Musik und bediene mich hierzu wiederum eines Zitates:
„Der Arzt und Kinesiologe John Diamond hat die Heilkraft der Musik in den 70er Jahren erforscht. Er ließ seine Patienten Musikstücke hören und testete dabei die Aktivität der Thymusdrüse, die nach seiner Ansicht eine wichtige Funktion für die Lebensenergie eines Menschen hat.
„Die Thymusaktivität steigt sofort an, wenn man Musik hört,“ stellte Diamond fest. Diese Energie hängt aber nicht von der Perfektion der musikalischen Darbietung ab, sondern von der Hingabe des Musikanten. Je inniger der Musiker mit seinem Stück verschmelze, behauptet Diamond, umso stärker sei die vitalisierende Wirkung auf die Zuhörer. Gestresste Musiker in Angst vor falschen Tönen hätten keine heilende Kraft: „Eine Mutter, die falsch singt, tut mehr für ihr Kind als ein Koloratursopran ohne Herz“, erklärte er. John Diamond lehnte deshalb auch den Applaus ab, der ja für gewöhnlich als Dank für die Darbietung gezollt wird. Das Klatschen, so meinte der Kinesiologe, zerschlage die musikalische Energie. Stattdessen regte er an, den Musikern in Stille zu danken und die Kraft ihrer Musik mit nach Hause zu nehmen!“
(Eva-Maria Lerch, Im Himmel ist Klang, in: Publik Forum 6 (2009) 25)
Drum: Keine Furcht vor falschen Tönen!
Singt frei heraus aus voller Kehle!
Gott ist unser Lied! Halleluja!
Zus. Literaturempfehlung: Johann Rüppel, Gott ist mein Lied, in: ders., Bedenkt. Was ihr singt. Predigten und andere Texte zu Liedern und Kantate, München 2007, 9ff
|
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
|